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„Kriminalprävention ist ein Oberbegriff für Strategien und Ansätze, die darauf abzielen Kriminalität zu verhindern“ (NZK 2018: 4)*. Der Zusatz evidenzbasiert bedeutet, dass zwischen einem Präventionsansatz und dem von ihm angestrebten Zielen ein wissenschaftlich belegter Zusammenhang besteht.

Evidenzbasierung dient dazu die Wirksamkeit und die Qualität sozialer Programme zu erhöhen. Dies ist ein aufwändiger und voraussetzungsreicher Prozess, an dem Akteure aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Praxis gemeinsam arbeiten. Nicht alle existierenden Programme können oder sollen evidenzbasiert sein. Jedes Praxisfeld braucht Spielraum, um Neues auszuprobieren und in einigen Bereichen fehlt noch das nötige Wissen. Die online Plattform WESPE gibt einen Überblick über den Stand der Evaluation von verschiedenen Präventionsansätzen.

Vereinfacht dargestellt verläuft die Entwicklung eines nachweislich wirksamen Präventionsansatzes in vier Schritten:

Evidenzbasis I: kriminologische Forschung

Kriminologische Forschung ist ein Teilbereich der Sozial- und Verhaltenswissenschaften, der die Ursachen, Folgen und Sanktionierung von Regelverstößen untersucht. Polizeiliche Kriminalstatistiken, Lagebilder, kriminologische Dunkelfeldstudien und Statistiken zur Rückfälligkeit bilden eine wichtige Datengrundlage, um Änderungen im Kriminalitätsaufkommen anhand kriminogener und präventiver Faktoren zu erklären.

 

Wissenstransfer

Ein gezielter Wissenstransfer bündelt relevante Forschungsergebnisse und macht sie dadurch anschlussfähig für Akteure außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs. Ziel des Wissenstransfers ist es, bereits vorhandenes Fachwissen sinnvoll zu ergänzen und aktuell zu halten, und eine gemeinsame Handlungsbasis für unterschiedliche Akteursgruppen zu erschaffen.

Evidenzbasierte Programmtheorie

Vor der praktischen Präventionsarbeit steht die Konzipierung und die politische Planung der entsprechenden Programme oder Vorhaben, wie. z.B. einem Mentorenprogramm für auffällige Jugendliche. Hier geht es häufig noch gar nicht so sehr um die Frage „Was wirkt?“, sondern z.B. darum, welches Projekt die Menschen und Verantwortlichen in einem Stadtteil, einer Region oder Bundesland politisch akzeptieren.

Eine evidenzbasierte Programmtheorie benennt präzise, welche Personen mit welchen Qualifikationen bestimmte Ressourcen, Arbeitsmittel, didaktische oder therapeutische Methoden einsetzen, um erwiesene Risikofaktoren abzumildern bzw. Schutzfaktoren zu verstärken. Kriminogene und präventive Faktoren können auf der gesellschaftlichen, der individuellen oder der sozialräumlichen Ebene liegen (siehe 10 Felder der Kriminalprävention).

Soziale Einflussfaktoren lassen sich unter Laborbedingungen meistens einfacher manipulieren als unter den alltäglichen Bedingungen der Präventionsarbeit vor Ort. Gerade hier sind wissenschaftliche und praktische Erfahrung gleichermaßen gefragt, um pragmatische Mittel und Wege zu finden, die Adressaten der Präventionsarbeit mit dem Angebot zu erreichen. Präventionsmaßnahmen können dazu z.B. institutionalisiert (an Schulen oder in Gefängnissen), offen oder aufsuchend angeboten werden.

 

Implementierung

Kaum eine Programmtheorie lässt sich ohne Abstriche in die Praxis übertragen. Damit die Maßnahme eine Chance hat, gemäß den programmtheoretischen Erwartungen zu funktionieren, müssen ihre wesentlichen Prinzipien aber umgesetzt werden. Eine formative Evluation oder Prozessevaluation kann wertvolle Anhaltspunkte zur Implementationstreue liefern.

Evidenzbasis II: Evaluationsstudien

In der nächsten Phase erfolgt eine wissenschaftliche Begleitung der Arbeit vor Ort. Auch hier arbeiten Praktiker und Forscher idealerweise Hand in Hand. Eine evidenzbasierte und gut implementierte Programmtheorie sollte also nach bestem Wissen und Gewissen in der Praxis einen spürbaren Präventionseffekt haben. Eine wissenschaftliche Begleitung, in Form einer Wirkungsevaluation, kann diese wohlbegründete Vermutung dann anhand von Forschungsdaten untersuchen.

 

Wissenstransfer

Auch an der nächsten Schnittstelle zwischen Forschung & Praxis findet wieder eine Bündelung und Transfer von Wissen statt. Eine einzelne, punktuelle Evaluationsstudie erlaubt in der Regel noch keine validen Schlüsse über die Wirksamkeit eines Ansatzes als Ganzes. Sogenannte Metastudien und Systemtische Übersichtsarbeiten geben ein vollständigeres Bild darüber, welche Maßnahmen in welchen Kontexten für welche Zielgruppen am besten wirken.

Evidenzbasierte Programmpraxis

Auf der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse können die Programmverantwortlichen und Förderer die Programmtheorie und -Implementierung justieren und förderpolitisch nachsteuern. Durch Verstetigung und Ausweitung können Programme ihre nachweislich wirksamen Bestandteile auf eine höhere Wirkungsebene heben, d.h. skalieren.

 

Verstetigung

Systematisch eingesetzt, haben evidenzbasierte Ansätze das Potential die strukturellen Entstehungsbedingungen von Kriminalität mittel- und langfristig zu beeinflussen. Damit verändert sich die Ausgangslage kriminologischer Forschung.

Anhaltender sozialer Wandel macht es erforderlich, die Gültigkeit evidenzbasierter Ansätze regelmäßig neu zu überprüfen.

Zusammenfassung

Evidenzbasierung erfolgt an zwei Stellen im Programmzyklus: Bei der Formulierung einer Programmtheorie (vor der eigentlichen Evaluation) und bei der Überprüfung der Programmpraxis (durch Evaluation).

Ein Programm, Ansatz oder Projekt ist theoretisch evidenzbasiert, wenn sein Konzept darauf abzielt, Einflussfaktoren zu verändern, von denen man aus der empirischen Forschung weiß, dass sie in einem ursächlichen Zusammenhang mit Kriminalität stehen.

Eine evidenzbasierte Programmtheorie untermauert also die voraussichtliche Auswirkung auf die Zielgruppe mit wissenschaftlichen Belegen.

Das Programm ist darüber hinaus auch praktisch evidenzbasiert, wenn Evaluationsstudien belegen, dass es auch unter den realen Bedingungen der Programmpraxis die gewünschten Veränderungen herbeiführt.

*NZK (2018). Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland. Ein Leitfaden für Politik und Praxis. Wiesbaden: Springer VS.