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Informationen zum Präventionsansatz
Deradikalisierung

Allgemeine Informationen

Deradikalisierungsarbeit im erweiterten Sinne umfasst Maßnahmen der selektiv-sekundären sowie indiziert-tertiären Prävention. Wenn Radikalisierung Hinwendungsprozesse zu extremistischen Positionen (Denkmustern, Verhaltens- und Handlungsweisen, Lebenswelten etc.) darstellt, dann ist Deradikalisierung der Prozess der Abwendung von extremistischen Positionen (Neumann, 2013).

Es herrscht in Deutschland weithin Uneinigkeit zwischen Akteuren der Präventionspraxis, Wissenschaft, (Sicherheits-)Behörden sowie in der Politik darüber, was Deradikalisierung (praktisch) bedeutet. Eine einheitliche Definition bzw. Vorgehensweise existiert nicht (HSFK, 2018). Ungeachtet der Uneinigkeit hinsichtlich einer allgemein akzeptierten Definition ist die praktische Deradikalisierungsarbeit in Deutschland vielfältig ausgeprägt. Je nach programmatischer Ausrichtung und theoretischer Fundierung werden unterschiedliche konzeptionelle Umsetzungsstrategien verwendet, so z.B. die Verantwortungspädagogik, systemische Ansätze oder das KiSSeS-Modell.

In der Praxis haben sich verschiedene Formen der Präventionsarbeit etabliert:

  • „Angehörigen- und Umfeldberatung“ zur Unterstützung und Sensibilisierung des sozialen Umfeldes potenziell radikalisierter oder radikalisierungsgefährdeter Personen sowie beruflich im Kontakt mit Jugendlichen stehender Personen (z. B. in der Schule).
  • Die darauf aufbauende, mitunter durch das Umfeld eingeleitete direkte Beratung und Begleitung von radikalisierungsgefährdeten und (teil-)radikalisierten Personen.
  • Die Ausstiegsbegleitung und Stabilisierung von radikalisierten Personen, die zumindest auf Distanzierung, idealerweise auf vollständige Deradikalisierung abzielt.
  • Ein verhältnismäßig neues Arbeitsfeld stellt die Online-Deradikalisierung dar. Derzeit werden verschiedene Ansätze in Pilot- und Modellprojekten erprobt.

Idealtypisch lässt sich Deradikalisierungsarbeit in folgende Zielsetzungen und -erwartungen untergliedern:

  • Als Deradikalisierung im engeren Sinne gilt die kognitive Abkehr von bestimmten zuvor geteilten extremistischen Einstellungen, Werten und Meinungen. Für Deradikalisierung ist eine kritische ideologische Auseinandersetzung zwingend nötig.
  • Distanzierung bezeichnet die Loslösung aus einem extremistischen Umfeld bzw. aus einer extremistischen Gruppe.
  • Der Begriff Demobilisierung kennzeichnet den Verzicht auf Gewalt zu politischen oder religiösen Zwecken. Erfolgreiche Demobilisierung manifestiert sich darin, dass von den betroffenen Personen keine Straftaten aus extremistischen Motiven mehr begangen werden.
  • Mit dem Begriff (Re-)Integration wird die Stabilisierung der sozialen Verhältnisse (Hilfe bei der Wohnungssuche, Zugang zum Arbeitsmarkt, Angebot von (Weiter-)Bildungsmöglichkeiten, Schuldnerberatung, etc.)  bezeichnet.

Forschungsergebnisse zeigen, dass Deradikalisierungsprojekte auf der affektiven, pragmatischen sowie ideologische Ebene ansetzen müssen, um wirken zu können (Dantschke & Köhler, 2013). Die ideologische Komponente eines Deradikalisierungsansatzes zielt auf die Entkräftung und Delegitimierung der in der Zielgruppe verwendeten Narrative und Deutungsrahmen. Daneben beinhaltet der pragmatische Aspekt von Deradikalisierungsarbeit die Unterbrechung und Verhinderung von Handlungsstrukturen, die sich Individuen und Gruppen zur Erfüllung ihrer ideologischen Ziele geschafft haben. Dazu gehört die Ablösung aus Hierarchien, das Verlassen radikaler Strukturen ebenso wie die Auflösung sozialer Isolation in einer geschlossenen Gruppe. Der affektive Aspekt der Präventionsarbeit schließlich zielt auf emotionale Unterstützung des Individuums und die Schaffung einer alternativen Bezugsgruppe, die der Struktur radikalisierter Gruppen als Opposition entgegengesetzt ist. In diesem Bereich lässt sich die Angehörigenberatung verorten.

Träger der Deradikalisierungsarbeit in Deutschland sind in einem Hybridmodell zivilgesellschaftliche und staatliche Akteure sowie Sicherheitsbehörden.

 


Dantschke, C. & Köhler, D. (2013). Angehörigenberatung und Deradikalisierung. Theoretische und praktische Implikationen, sowie ein erster inhaltlicher Bericht über die Beratungsstelle Hayat. Journal EXIT-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur, 1, 184 – 199.

HSFK (Hrsg.) (2018). Herausforderung Deradikalisierung. Einsichten aus Wissenschaft und Praxis. PRIF Report, 9, 23.

Neumann, P. (2013). Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus. Verfügbar: http://www.bpb.de/apuz/164918/radikalisierung-deradikalisierung-und-extremismus?p=all [letzter Zugriff: 22.02.2019]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit diesem Präventionsansatz werden folgende
Themen adressiert (soweit in WESPE erfasst)

Zusammenfassung der Evalutionsbefunde

Wirksamkeiti
wissenschaftl. Belastbarkeiti
Übertragbarkeiti
Theoretische Fundierungi
Anzahl
Evaluations­studieni
Evidenzindexi
4
24

Die Evaluationsstudien lassen keine belastbaren Aussagen darüber zu, ob der Ansatz einen Einfluss auf Kriminalität hat. Der wissenschaftliche Nachweis (gemessen an der internen Validität der Studie) dieses Effektes fehlt. Die Erkenntnisse über die Effekte lassen sich nicht verallgemeinern und können auf keine anderen Personen oder Kontexte übertragen werden. Dem evaluierten Ansatz liegt kein ausformuliertes Konzept zu Grunde, das erklärt auf welche Weise die Maßnahme Kriminalität reduzieren soll. Für die Zusammenfassung der Evaluationsergebnisse haben wir vier Studien berücksichtigt. Im Durchschnitt erreichen diese Studien einen Wert von 24 / 100 Punkten auf dem Evidenzindex.