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Studienprotokoll
Wirkt Strafe, wenn sie der Tat auf dem Fuße folgt? Zur psychologisch-kriminologischen Evidenz des Beschleunigungsgebots.

Titel der Studie:

Wirkt Strafe, wenn sie der Tat auf dem Fuße folgt? Zur psychologisch-kriminologischen Evidenz des Beschleunigungsgebots.

Autor oder Herausgeber:

Bliesener, T. & Thomas, J.

Erscheinungsjahr:

2012

Sprache:

Deutsch

Publikationsart:

Wissenschaftliche Fachzeitschrift (ohne Peer Review)

Studie online veröffentlicht?

Nein

Eine Strafe soll zügig auf die Tat folgen. Diese Forderung entspringt nicht nur der gängigen Abschreckungsdoktrin, sie lässt sich auch straftheoretisch begründen. Als weitere bedeutsame Strafmerkmale werden die Sanktionswahrscheinlichkeit und die Sanktionshärte diskutiert. Während die empirisch-kriminologische Befundlage recht konsistent die Bedeutung der Sanktionswahrscheinlichkeit stützt und sie dagegen für die Sanktionshärte eher negativ ausfällt, ist sie für die Sanktionsgeschwindigkeit weitgehend inkonsistent. Zwar scheint auch die psychologische Forschung die Forderung schneller Sanktionen zu stützen, diese basiert jedoch fast ausschließlich auf experimentellen (Tier-)Studien, bei denen eine Bestrafung innerhalb eines Sekundarbereichs nach einem unerwünschten Verhalten erfolgt. Empirische Studien, die der strafrechtlichen Wirksamkeit nahekommen, sind dagegen rar. An einer Gruppe von knapp 400 jungen Mehrfachauffälligen wurden die Effekte unterschiedlich langer Verfahrensdauern auf den ausschließlichen Zeitraum der Legalbewährung untersucht. Ein spezialpräventiver Effekt zügiger Verfahren und schneller Sanktionen konnte dabei nicht nachgewiesen werden.

Name der in der Studie evaluierten Maßnahme(n)

Verfahrensbeschleunigung

Name der in der Studie evaluierten Präventionsansätze(n)

Verfahrensbeschleunigung

Träger der Maßnahme

Keine Angabe

Durchführende Einrichtung

Christian-Alberts-Universität zu Kiel, Institut für Psychologie

Auftraggeber der Evaluation

Erhebung der Primärdaten im Auftrag des LKA NRW

Untersuchungszeitraum:
keine Angabe
Land

Deutschland

Bundesland

Nordrhein-Westfalen

Kurzbeschreibung der Evaluation

Für die Studie wurden Jugendliche ausgewählt, für die Eintragungen im Bundeszentralregister (BZR) vorlagen und die in einem Kalenderjahr mindestens drei Mal polizeilich als Tatverdächtige in Erscheinung traten. Die Daten stammten aus einer umfangreichen Evaluation zu jungen, polizeilich geführten Intensivtätern in Nordrhein-Westfalen. Die Stichprobe bestand aus 380 männlichen Jugendlichen mit einem Durchschnittsalter von 19,4 Jahren. Darüber hinaus wurden Jugendliche miteinbezogen, die nicht als polizeiliche Intensivtäter geführt wurden, obwohl sie eine vergleichbare Deliktbelastung aufwiesen. Es erfolgte eine Zuteilung zu Untersuchungsgruppen nach Verfahrensdauer.

Evaluationstyp i
  • Wirkungsevaluation oder Summative Evaluation
Empirische Methode i
  • Quantitativ
Was wird gemessen? (Effektmaße) i

Direkte Effektmaße

  • Rückfälligkeit im Hellfeld
  • Rückfallgeschwindigkeit
Wie wird gemessen? (Empirische Daten) i

Sekundärdaten: Quelle der Daten

  • Eintrag Bundeszentral- und/oder Erziehungsregister
  • Justizakten
Wie wird gemessen? (Operationalisierung der Effektmaße) i

- Korrelation zwischen Verfahrensdauer und Rückfallzeitpunkt
- Überlebensanalyse

Womit wird verglichen? i

Bezugsgröße / Maßstab für den Effekt der Maßnahme

Mit dem Zustand vor Beginn der Maßnahme.

Mit einer Kontrollgruppe.

Erläuterungen

Es wurden vier verschiedene Gruppen nach Verfahrensdauer gebildet (51-150 Tage, 151-200 Tage, 201-365 Tage, 366-1000 Tage).

Wie wird die Stichprobe gezogen? i

Nicht repräsentative und qualitative Auswahlverfahren

  • ad hoc Auswahl (Teilnehmer werden gezielt auf Grund einer bestimmten Eigenschaft ausgewählt, z. B. Experten)

Wie groß ist die Stichprobe? i

380

Wie groß ist die Grundgesamtheit? i

400

Wie groß ist die Teilnehmerrate oder Rücklaufquote? i

Keine Angabe

Wie groß ist der Stichprobenfehler? i

Keine Angabe

Wie groß ist die Abbrecherquote der Teilnehmer? i

Anzahl der Personen:

Keine Angabe

Rate:

Keine Angabe%

Erläuterungen zum Samplingverfahren i

Im Rahmen der Evaluation wurden die BZR-Auszüge von 400 Jugendlichen herangezogen. Es gab einen Stichprobenausschluss von insgesamt n=20 Probanden, weil entweder keine zuverlässigen Legalbewährungszeiträume bestimmbar waren oder kein Tatdatum im Bundeszentralregister vorlag. Unter den Probanden befinden sich auch Jugendliche, die nicht als polizeiliche Intensivtäter geführt werden, aber eine vergleichbare Deliktbelastung aufweisen.

Skalenniveau der abhängigen Variable(n) (Effektgröße) i

Intervall

Zusammenhangsmaß i

Für metrische Variablen

Korrelationskoeffizient

Verteilung i

Die Studie macht keine Angaben

Welche weiteren Einflussfaktoren wurden kontrolliert i
  • Keine Angabe
Wie wurden weitere Einflussfaktoren kontrolliert? i
  • Keine Angabe
  • Keine Drittfaktorkontrolle
Ergebnis

Laut Einschätzung der Autoren gibt es keinen Hinweis auf eine kriminalitätsreduzierende Wirkung von Verfahrensbeschleunigungen. Daher solle das Beschleunigungsgebot reflektierter betrachtet werden. Zwar könne es zur psychischen Entlastung des Beschuldigten beitragen und ließe sich dadurch bereits begründen. Allerdings sprächen die Ergebnisse nicht für eine abschreckende Wirkung der Beschleunigung. Mit einer längeren Verfahrensdauer gingen in der Untersuchung spätere Rückfälle einher. Dieser Zusammenhang könne allerdings auch auf die Selektion der Verfahren durch die Gerichte zurückzuführen sein, die wohl dringlichere Fälle mit ungünstigerer Rückfallprognose vorgezogen behandelten.

Welche Ergebnisse erzielt die evaluierte Maßnahme oder der Ansatz? i

Bei den jugendlichen Probanden, mit einer Rückfalltat innerhalb des Erhebungszeitraumes (n=203), konnte mittels einer korrelativen Auswertung ein schwacher Zusammenhang (r=.17) zwischen Verfahrensdauer und Rückfallgeschwindigkeit festgestellt werden. Dieses Ergebnis war signifikant (p=.002) und spricht dafür, dass eine längere Verfahrensdauer mit einer geringeren Rückfallgeschwindigkeit einhergeht. Auch die durchgeführte Überlebensanalyse ließ darauf schließen, dass eine kurze Verfahrensdauer keine kriminalitätsreduzierende Wirkung hat - entgegen der Annahme, diese sei erzieherisch wirksamer.

Auflistung aller relevanten Indikatoren, Faktoren und Zusammenhangsmaße
Wie kann die Maßnahme erfolgreich umgesetzt und implementiert werden? i

Fazit Wirksamkeit

Ansatz/Maßnahme hat keinen signifikanten Einfluss auf Kriminalität. (n.s.) [0]

Handlungsempfehlungen

Sonstige Anmerkungen zu den Ergebnissen der Studie

Die Autoren räumen ein, dass es sich um eine regional begrenzte Studie sowie um Probanden mit mittlerer bis hoher Kriminalitätsbelastung handelt. Sowohl andere Strafmerkmale als auch die Rückfallschwere und -häufigkeit wurden nicht berücksichtigt. Im Rahmen der Evaluation konnten teilweise nur kurze Legalbewährungszeiträume betrachtet werden. Die Autoren sprechen sich für das Beschleunigungsgebot aus, da es zur psychischen Entlastung der Probanden beitrage. Allerdings sehen sie die pädagogische Begründung des Gebots, die sich auch empirisch nicht bestätigen ließ, kritisch.

Ziele der Studie i

Stufe 2: Die Studie benennt ein klares überprüfbares Untersuchungsziel und beschreibt die Methode.

Eignung des methodischen Zugangs i

Stufe 2: Der methodische Zugang ist geeignet für das Untersuchungsziel der Studie. Es gibt keine (oder kaum) evaluationspraktische Hindernisse bei der Evaluation.

Theoretische Grundlage i

Stufe 2: Die Studie benennt theoretische Annahmen über die Wirkungsweise der Präventionsmaßnahme und stellt einen ausreichenden Bezug zu deren empirischen Überprüfung her.

Interne Validität i
Stufe 3 Mind. zwei Erhebungszeitpunkte (Vor und nach einer Intervention), mind. eine Vergleichsgruppe für die Äquivalenz per nicht-randomisierter Zuweisungstechnik hergestellt wurde (Matching, Parallelisierung)
Externe Validität i

Stufe 0: Die Stichprobe ist nicht repräsentativ: Die Ergebnisse sind nur für die Teilnehmer der Studie gültig

Messvalidität (Konstruktvalidität) der Effektgröße (abhängigen Variablen) i

Stufe 4: Die Studie verwendet ein theoretisch verankertes und empirisch bewährtes Messinstrument zur Messung der Effektgröße (die Reliabilität des Instruments wurde empirisch überprüft).

Qualität der Datenauswertung i

Stufe 4: Die Auswertung der empirischen Daten ist nachvollziehbar dokumentiert, erfolgt anhand der geeignetsten Auswertungsmethoden und ohne erkennbaren Fehler.

Ergebnisinterpretation i

Stufe 2: Angemessene, reflektierte und sachliche Interpretation der Ergebnisse; selbstkritische Reflexion möglicher Grenzen und Einschränkungen der Ergebnisse

Interessenkonflikte i

Stufe 2: Unabhängige Evaluation durch externe Einrichtung/Person ohne erkennbaren Interessenkonflikt.

Evidenzindex i

70